Zehnter Zyklus im Fähigkeitsprogramm Phytotherapie abgeschlossen mit Phytotherapie in der Pädiatrie

Auch Referierende sind lernende: Karoline Fotinos-Graf und Tankred Wegener

Die Phytotherapie war lange Zeit eng verbunden mit der Kinderheilkunde. Die Umsetzung von Problemen, die sich mit den synthetischen Arzneimitteln ergeben haben auf pflanzliche Arzneimittel hat das geändert. Es gibt viele Fragen zur Sicherheit und zur Dosierung. Deshalb müssen im Kurs Phytotherapie in der Pädiatrie Probleme thematisiert werden, die so in den anderen Kursen nur vereinzelt angeschnitten werden. Beat Meier und Tankred Wegener gaben den Teilnehmenden zahlreiche Argumente für die Anwendung von pflanzlichen Arzneimitteln bei Kindern in der Praxis mit auf den Weg. Die grosse therapeutische Breite der meisten pflanzlichen Arzneimittel macht es möglich in der Pharmakotherapie bewährte Berechnungen für Kinderdosierungen einzusetzen. In der Schweiz sind wir in der glücklichen Lage noch zahlreiche pflanzliche Arzneimittel mit Kinderdosierungen zu haben. In modernen Monographien wird oft ein Einsatz bei Kindern nicht empfohlen – dies nur deshalb, weil keine Daten vorliegen und die traditionelle Anwendung zu wenig gewichtet wird. Tankred Wegener fand in den Verlautbarungen von Swissmedic zu Kinderheilmitteln immerhin einen Satz, der für die Teilnehmenden hilfreich war: „In vielen Fällen müssen sich Kinderärzte/Kinderärztinnen bei der Verschreibung auf ihre persönliche praktische Erfahrung verlassen, da es für bestimmte Erkrankungen kein für die pädiatri-sche Anwendung entwickeltes Arzneimittel gibt und deshalb nur ein für Erwachsene zugelassenes Arzneimittel eingesetzt werden kann. Diese Art der Verschreibung (sog. off-label use) ist gemäss Heilmittelgesetz erlaubt, sofern die anerkannten Regeln der medizinischen und pharmazeutischen Wissenschaften beachtet werden.“

Am Beispiel von Fencheltee zeigte Reinhard Saller auf, wie auf der Basis von Untersuchungen von Reinstoffen, meist in hoher Dosis, carcinogene Potentiale ermittelt werden, die nur mit langwieriger und aufwändiger Forschung wieder zurückgeschraubt werden können. Das gilt für den Fenchelinhaltsstoff Estragol ganz besonders. Die neuste Studien konnte für gepulverte, in Kapseln abgefüllte Fenchelfrüchte und für das ätherische Öl keinen Hinweis finden, dass an humanen Leberzellen Schädigungen entstehen. Im Vielstoffgemische präsentiert sich die Situtation grundlegend anders als mit Einzelsubstanzen. Diese Erkenntnis wird immer besser dokumentiert, ohne dass sie schon zur wissenschaftlichen Grundausstattung zählt. Auch die Margin of Exposure (MOE) gibt für Fencheltee keine Hinweise darauf, dass Fencheltee periodisch angewendet ein Risiko zeigt. Deshalb auch der Titel seines Referates: Keine Angst vor Fencheltee.

Mit achtzig Teilnehmenden war der den Zyklus abschliessende Kurs ausgezeichnet besucht. Die Teilnehmenden mussten konstatieren, dass sie sich einem Thema, das wissenschaftlich insgesamt schlecht erschlossen ist, dem aber viel Erfahrung gegenüber steht, widmen. Und die Erfahrung hat in der Pyramide der Evidenzen einen erheblichen Wert. Was im Prinzip unbestritten ist muss jedoch immer wieder erkämpft werden. Diese Praxiserfahrung wurde von Andreas Schapowal, Karoline Fotinos-Graf, Beatrix Falch und Lucien Simmen vermittelt. Andreas Schapowal sprach über Allergien und wie deren Entwicklung im Kindesalter reduziert werden kann. Er empfahl insbesondere bei Atemwegsinfekten mit Phytotherapie zu behandeln sowie bei anfälligen Kindern Erkältungskrankheiten mit Zubereitungen aus Echinacea vorzubeugen. Antibiotikatherapien sollten nur eingesetzt werden, wenn sie klar indiziert sind. Karoline Fotinos-Graf erläuterte anhand zahlreicher Rezepte wie Hautprobleme bei Säuglingen und Kindern behandelt werden können, so z.B. die Windeldermatitis, die atopische Dermatitis und verschiedene Formen verbunden mit Juckreiz. Ätherische Öle und Extrakte aus Gerbstoffdrogen in der richtigen Grundlage zeigen in der Praxis gute Erfolge. Beatrix Falch brachte Beispiele zur Behandlung von Magen-/Darmproblemen bei Kindern und phytotherapeutische Optionen für die Psyche – auch heikle Themen wie ADHS (das sie lieber als KIDS=Konzentrations-Impulskontroll-Defizit-Syndrom bezeichnet) nicht auslassend. Dafür gibt es allerdings auch phytotherapeutisch keine gesicherten, doch immerhin verfolgenswerte, im Therapiekonzept unterstützende Ansätze. Lucien Simmen ist praktizierender Kinderarzt und berichtete von dem, was ihn seine Patienten gelehrt haben. Er baut sehr oft auf deren Erfahrungen und Methoden und konnte sich so ein Erfahrungsspektrum erarbeiten. Im Vordergrund stehen dermatologische Probleme sowie Erkrankungen der oberen Luftwege. Er wies auch auf die Arbeit seiner Kollegin Elisa Marchiondi hin, die mit ihrer Zertifikatsarbeit „Phytotherapeutische Familienapotheke“ viele Tipps und Hinweise auch für Pädiater.

Es war dies der letzte Kurs im laufenden Zyklus, insgesamt der zehnte in der Geschichte der SMGP. Der neuste Zyklus startet gleich ohne Unterbruch: Am 23. März in Wädenswil wird uns das Thema Phytotherapie bei Erkrankungen des Magen-/Darmtrakts fesseln. Die SMGP dankt allen Referierenden, die immer wieder mit ihren umfassenden Kenntnissen die Teilnehmenden zu fesseln vermögen.

Neuste Publikation zu Fenchel

Reinhard Sallers Thema: Keine Angst vor Fencheltee

Reinhard Saller

Beatrix Falch leitete den Kurs und sprach zu verschiedenen Themen, so auch zu Schlafstörungen

Andreas Schapowal

Von seiner eigenen pädiatrischen Praxis berichtete Lucien Simmen