Tetranationale Phytotherapietagung in Wien:
Die Phytotherapie wird internationaler


Wien, Winterthur, Bonn – das waren nach einem Vorlauf in Berlin die bisherigen Stationen des gemeinsamen Phytotherapiekongresses der drei deutschsprachigen Gesellschaften. Vom 31. Mai bis 2. Juni traf man sich erneut in Wien – diesmal zu einem tetranationalen Kongress – neu haben sich die Holländer angeschlossen. Unter den 300 Teilnehmenden befanden sich rund 40 SMGP-Mitglieder – sie sorgten dafür, dass die Internationalität des Kongresses gegenüber früher deutlich gesteigert werden konnte. Die Reisegruppe der SMGP umfasste 17 Mitglieder und vier Begleitpersonen – sie schloss die Wiener Tage mit einer Exkursion ab, zu der ein separater Bericht folgen wird.

Über die einzelnen Themen berichten wir hier kurz – ein umfassenderer Bericht wird auf der SMGP-Vereinsseite der Complementary Medicine Research erscheinen.

Cannabis: Die aus den USA herüberschwappende Cannabis-Welle hat dazu geführt, dass die medizinische Anwendung von Cannabis wieder in den Fokus rückt. Die Lösungen der Länder sind sehr unterschiedlich. Derweil Deutschland in aller Eile eine Drogenmonographie für Cannabis flos ins Arzneibuch rückte ist die Anwendung der Droge in Österreich nicht zulässig. So kann Kurt Blaas in Wien nur den Workstoff Dronabinol (THC) einsetzen. In der Schweiz sind die Möglichkeiten vielfältiger, da verschiedene Cannabis-Zubereitungen erlaubt sind, dies allerdings mit erheblichem administrativem Aufwand. Darüber berichtete Manfred Frankhauser von der Bahnhof-Apotheke in Langnau.

Infektionskrankheiten: Die Behandlung von Infektionskrankheiten mit pflanzlichen Arzneimitteln ist attraktiv. Die Entwicklung geht weg von spezifischen Antibiotika zu unspezifischer wirksamen Naturstoffen. Dabei gilt der Fokus der Verhinderung der Adhäsion von Krankheitserregern im menschlichen Organismus. Andreas Hensel aus Münster präsentierte einige Beispiele. Barbara Frei-Haller aus Zürich widersprach den Empfehlungen der WHO, sich in der Malaria-Therapie nur auf synthetische Arzneimittel zu stützen. Zubereitungen aus Artemisia annua L. haben ihre Berechtigung.

ZNS: Die Anwendung des ätherischen Öls aus Lavendelblüten in Form des pflanzlichen Arzneimittels Lasea ® entwickelt sich immer mehr zu einer etablierten Medikation bei Angsstörungen womit endlich eine Alternative zu den seinerzeit sehr wirksamen Kawa-Zubereitungen heranwächst. Peter Mai aus Zürich und Ion-George Angelescu aus Liebenberg berichteten darüber. Egemen Savaskanm ebenfalls Zürich, schon an der gemeinsamen Tagung in Winterthur vor vier Jahren im Einsatz, berichtete ebenfalls darüber mit dem Fokus auf ältere Patienten. Er unterstrich den Vorteil der pflanzlichen Arzneimittel bei den oft multimorbiden Patienten. Dieser liegt in deren Nebenwirkungsprofil – diesbezüglich ist kaum etwas zu befürchten.

Entzündungen. Andy Suter aus Roggwil präsentierte ein lebendiges Portrait der Arnika als Arzneipflanze und deren topische Anwendung bei Fingerpolyarthrosen im Vergleich zu Brufen. Die Pflanze hat aus seiner Sicht ein darüber hinausgehendes Potential worauf neuere Forschungsergebnisse hinweisen. Im Schlussreferat berichtete Ulrike Kastner über ihre Erfahrungen bei der Behandlung entzündlicher Erkrankungen im Kindesalter und präsentierte Anhand von 9 Fallbeispielen einige phytotherapeutische Rezepte zur Behandlung z.B. des Windelekzems (Waschungen mit wässrigen Kamillenblüten- oder Eichenrindenauszügen), der Hand-Fuss-Mundfäule (Pinseln mit Salbeitee, Baden in Schwarz- oder Stiefmütterchentee) und Neurodermitis (eine Ekzemsalbe mit u.a. Kamillenöl und Echinaceaurtinktur). Für ihre praktischen Ratschläge erntete sie tosenden Applaus.

Regulatorisches. In Deutschland sind die Leitlinien ein omnipräsentes Thema, die GPT versucht die Phytotherapie in diesen Leitlinien einzubringen. Dies ist oft eine schwierige Arbeit, da Daten zur Evidenz traditioneller Anwendungen oft schwierig zu finden sind und die Forschung diesbezüglich in den Zentren der Phytotherapie stockt. Immerhin gibt es auch Einträge über Expertenmeinungen. Bezüglich Zulassung wurde diskutiert, ob die Anforderungen an pflanzlicher Arzneimittel zu hoch sind. Die Behörden können kaum von den längst definierten Qualitätsansprüchen abrücken. Festzuhalten ist jedoch, dass die Zahl zugelassener pflanzlicher Arzneimittel zurück geht und die Bemühungen der European Medical Agency mit den HMPC-Monographien diese in den Europäischen Ländern zu verbreiten ist bisher nicht von Erfolg gekrönt. Dies deckte Herbert Schwabl aus Schwerzenbach auf. Zudem gibt es kaum Neuentwicklungen die Zulassungsreife erlangen. Das Problem liegt darin, dass bei den Nahrungsergänzungsmittel die Verantwortung für die Qualität bei den Herstellern liegt, ohne dass deren Eigenverantwortung genügend überprüft würde. Auch die Regulierung der Claims ist ins Stocken geraten. So wird oft auf diese oder andere Schienen ausgewichen – die Phytotherapeuten müssen auf die Rezeptur ausweichen. Da ist das Potential mannigfaltig.

Ausblick: Der nächste tetranationale Kongress zum Thema Phytotherapie findet vom 11.-13. Juni 2020 in der Schweiz statt. Gastgeber sind die SMGP und das Institut für Integrative Medizin an der Universität Zürich mit Support von der ZHAW. Die Tagung findet im Hauptgebäude (u.a. Lichtsaal) der Universität statt. Die Vorbereitungen sind angelaufen.