Fähigkeitsprogramm Kurs 3:
Das ungenutzte Potential des Weissdorns und die Bedeutung der Ernährung


Weissdornfrüchte

Die Zahl der heute genutzten Arzneipflanzen zur Behandlung von Problemen mit Herz und Kreislauf bleibt übersichtlich – umso vertiefter konnten sich die rund 70 Teilnehmenden (20 davon aus der Veterinärmedizin) mit einzelnen Pflanzen und deren Zubereitungen auseinandersetzen. Beat Meier und Reinhard Saller brachen eine Lanze für den Weissdorn, der einerseits zur Behandlung nervöser Herzbeschwerden, aber auch als Basistherapie zur Unterstützung von Medikationen mit synthetischen Arzneimitteln (Diuretika, Calcium-Antagonisten, ACE-Hemmer) bestens geeignet ist. Nebenwirkungs- und Interaktionsprofile tendieren gegen Null und eine neuste Publikation belegt eine durch Weissdorn bewirkte Steigerung der Lebensqualität vieler Patienten. Am Beispiel Digitalis, vorgetragen von Dagmar Wemmer, zeigte sich die Zeitbedingtheit der Therapieansätze: Wurden vor vierzig Jahren noch die meisten älteren Patienten digitalisiert, belegen heute Digoxin und Digitoxin nur noch therapeutische Nischen und es dominieren beta-Blocker und ACE-Hemmer. Für das alternde Herz jedoch sind Zubereitungen aus Weissdorn auch aus neuster Sicht zu empfehlen, daran hat sich in all den Jahren nichts geändert. Oft sind nervöse Herzbeschwerden und damit einhergehende Atemnot auch mit Angsterkrankungen verbunden. Dagmar Wemmer empfahl dies genauso wie die Herzbeschwerden diagnostisch genau abzuklären und dann an eine Therapie mit Lavendelöl zu denken. Zur Verfügung steht das sich in der SL-befindlichen Fertigarzneimittel - sie machte auch gute Erfahrungen mit Lavendelöl-Auflagen, damit auch die olfaktorischen Komponenten des ätherischen Öls nutzend (mehr zu Lavendelöl an der Jahrestagung vom 22.11.2018)

Ernährung und Phytotherapie sind nah verwandte Disziplinen und die Übergänge fliessend. Immer mehr rücken bei chronischen Krankheiten entzündliche Prozesse in die Betrachtung mit ein. Stanislaw Kozak zeigte auf, wie bei entsprechender Ernährung Entzündungsfaktoren wie CRP im Blut deutlich gesenkt werden können. Dies hat einen Einfluss auf arteriosklerotische Gefässe und dürfte bedeutender sein als die Senkung der Lipide. Entsprechende Mortalitätsdaten weisen darauf hin. Zahlreiche Arzneipflanzen können da unterstützend eingesetzt werden – Daten gibt es für Knoblauch (primär getrocknetes Pulver), Artischockenextrakte und Zubereitungen aus Mariendistel. Reinhard Saller wies darauf hin, dass auch der Weissdorn diesbezüglich Potential hat. Ernährungswissenschafterin Kathrin Rutishauser gab eine Übersicht über eine ganze Reihe von Pflanzen, die meist als Lebensmittel, teilweise aber auch als Arzneimittel genutzt zur Verfügung stehen, um sich vor den Risiken des metabolischen Syndroms möglichst gut zu schützen. Sie wies aber auch darauf hin, dass trotz Begriffen wie „Superfood“ ohne ausgewogene Basisernährung keine Erfolge zu erwarten sind. Phytosterine, Grüntee (Epigallocatechine), Artischocke, Curcuma und Ballaststoffe wie das Beta-Glucan im Hafer sowie Guarkernmehl können die Aufnahme oder den Stoffwechsel von Cholesterin beeinflussen, Pflanzen wie Ingwer (6-Gingerol), Zimtrinde und Bittermelone (Momordia charantia) allenfalls den Glucosestoffwechsel. Trotz teilweise intensiver Forschung (z.B. Curcuma) sind die vorliegenden Daten bezüglich Dosierungen und Effizient der Massnahmen weiterhin schwierig zu werten. Beat Meier empfahl auf die Patienten zu hören und von ihren Erfahrungen zu profitieren.

Der niedrige Blutdruck ist auch mit Arzneipflanzen schwierig zu behandeln, doch es gibt einige phytotherapeutische Ansätze. Peter Frey reflektierte darüber auch aus historischer Sicht. Der Rosmarin (eingearbeitet in ein Riechsalz oder als Tinktur) ist seine Leitdroge, neben speziellen Rezepturen in Form von Tropfen oder Teemischungen, die coffeinhaltige Drogen wie Colanuss oder auch Ephedra herba enthalten können.

Die Behandlung der venösen Insuffizenz mit Rosskastanienzubereitungen basiert auf mehreren Prinzipien, eines davon ist auch in diesem Fall die Entzündungshemmung. Da viele der Venen an der Oberfläche liegen ist die topische Anwendung in Form eines Gels zur oralen Therapie, die durchaus das Ergebnis mit Stützstrümpfen innerhalb eines Monats erreichen kann, ebenso effektiv. „Die Patienten in der Schweiz bevorzugen jedoch die orale Zubereitung“ beantwortete Andreas Suter eine entsprechende Frage. Interessant war auch seine Darstellung bei der Behandlung des Ulcus cruris: Eine zusätzliche Therapie mit Rosskastanienextrakt, in diesem Fall natürlich oral, reduzierte den Bedarf an wundpflegerischen Massnahmen des Ulcus und so die erheblichen Pflegekosten.

Dieser Bericht gibt nur einen kleinen Eindruck von einem vielfältigen Tag bei schönstem Wetter am Campus-Grüental: Die Gartenanlagen erlaubten einen zusätzlichen Einblick indem die derzeit enorm viele Früchte tragenden Weissdornbüsche, die in ihrer Leuchtkraft noch ausgeprägteren Hagebutten und auch der Fingerhut (stattlich dastehend, doch schon in der Regenerationsphase) sowie viele andere Arzneipflanzen entdeckt werden konnten.

Das Fähigkeitsprogramm wird am 25. Oktober mit dem dannzumal spannenden Thema Phytotherapie bei Erkrankungen der Atemwege fortgesetzt. Ein Einstieg ins Fähigkeitsprogramm ist für Interessierte ÄrztInnen und ApothekerInnen jederzeit möglich.


Referentinnen und Referenten im Einsatz für das Fähigkeitsprogramm Phytotherapie: Reinhard Saller

Cécile Venos

Kathrin Rutishauser

Andi Suter

Stanislaw Kozak und Dagmar Wemmer

Weissdornfrüchte - aufgenommen in Ossingen an der Thur am 21. September 2018