Die Vielfalt der ätherischen Öle in Wirksamkeit und Anwendung


400 Personen füllten das Kongresszentrum Trafo am 22. November 2019 zur 33. Schweizerischen Tagung für Phytotherapie am Morgen bis an den Rand – ein so grosses Interesse am Thema ätherische Öle kam überraschend. Dass die Referierenden die Teilnehmenden, viele äusserten sich spontan zum Anlass, begeistern konnten war deshalb höchst erfreulich.

Hanns Hatt aus Bochum eröffnete den Reigen mit einem klassischen Einstiegsreferat. Er erläuterte die zahlreichen Riechrezeptoren, die mittlerweile bekannt sind und erklärte eindrücklich, wieso das Menthol in der Pfefferminze als kühlend empfunden wird und wieso mit Gewürznelkenöl die Schmerzleitung unterbrochen werden kann. Riechrezeptoren wurden mittlerweile im ganzen Körper bis hinab in die Zellen gefunden. Das erklärt, wieso ätherische Öle nicht nur über den Geruchssinn funktionieren, sondern auch ganz andere Wirkungen haben können. So lassen sich die beruhigenden Effekte mancher Öle erklären, da sie das gabaerge System beeinflussen.

In Zeiten, in denen die übertriebene Gabe von Antibiotika stark diskutiert wird, ist es erstaunlich festzustellen, dass viele Kenntnisse zur antimikrobiellen Aktivität der ätherischen Ölen kaum bekannt sind. „Wir haben ein Durchsetzungsproblem“ kommentierte Matthias Melzig aus Berlin die Tatsache, dass das Wissen rund um Naturstoffe nicht genutzt wird. So ist Thymol, reichlich vorkommend in Thymianöl, ein ausgezeichnetes Desinfektionsmittel und eine Raumbedampfung mit verschiedenen Mischungen von ätherischen Ölen reduziert die Keimzahl (auch Problemkeime) im Krankenzimmer bis zu 100%. Viele ätherische Öle zerstören Biofilme, in denen sich Bakterien vor Antibiotika quasi „verstecken“. Dies ist gleichbedeutend damit, dass unter dem Motto „gemeinsam geht es besser“ die Wirksamkeit von Antibiotika mit ätherischen Ölen verbessert werden kann. Melzig belegte alle seine Aussagen mit Literaturquellen.

Gerda Dorfinger aus Wien ist eine ausgewiesene Spitalhygienikerin, die für die urologische Praxis ihres Mannes mit Aromatogrammen und dem Reihenverdünnungstest arbeitet, um ätherische Ôle zur Behandlung rezidivierender, urogenitaler Infektionen zu evaluieren. Sie hat den synergistischen Effekt zwischen Antibitotika und ätherischen Olen auch beobachtet. Zudem berichtete sie von einem Rückgang der Rezidive nach Behandlung mit ätherischen Ölen auch in hartnäckigen Fällen. Sie arbeitet mit Vollbädern, Einreibungen und Unterbauchwickeln mit.und oraler Einnahme von ätherischen Ölen.

Regula Rudolf von Rohr beschrieb die Aromatherapie, wie sie an der psychiatrischen Klinik der Universität Basel erfolgreich eingesetzt wird. Dazu gehört ganz spezifisch der Geruch: „Schon kleinste Mengen können beim Einatmen Erleichterung verschaffen. Der Patient kann sich mit ätherischen Ölen selber etwas Gutes tun.“ Das ist besonders bei Angstpatienten, die kaum mehr in der Lage sind, eigene Aktivitäten zu entwickeln, wichtig: Zum Beispiel in Form von Selbstmassagen mit einer auf die Beschwerden hin und das Geruchsempfinden angepassten Zubereitung zum Einreiben. Ein Therapiegarten bringt den Patienten die Pflanzen näher und fördert die Wahrnehmung von Gerüchen.

Das Pfefferminzöl durch Einreiben an den Schläfen bei Kopfschmerzen und Migräne wirksam ist, wurde schon 1997, als das Thema ätherische Öle bereits einmal auf dem Programm der Schweizerischen Jahrestagung für Phytotherapie stand, durch Hartmut Göbel mit entsprechenden Studien belegt. Professor Saller aus Zürich unterlegte das Konzept nun mit der Idee, Einreibungen von ätherischen Ölen auf myofaszialen Triggerpunkten vorzunehmen, was die Wirksamkeit nach bisherigen Erfahrungen steigert. Ätherische Öle penetrieren nämlich gut durch die Haut – die richtige Formulierung dazu ist jedoch wichtig und Voraussetzung für einen erfolgreichen Einsatz. Darüber berichtete Karoline Fotinos-Graf aus Bern. Noch ungewohnt ist im deutschsprachigen Raum die orale Einnahme von ätherischen Ôlen. Die Gefahr des Aufstossens kann bei der Einnahme mit den Mahlzeiten deutlich verringert werden. Kohlensäurehaltige Getränke sollten vermieden werden.

Eine erste, breiter eingesetzte orale Anwendung ist das Lavendelöl, das als Fertigarzneimittel zur Verfügung steht. Christian Imboden aus Münchenbuchsee berichtete vom erfolgreichen Einsatz in der psychiatrischen Praxis, die in klinischen Studien gewonnenen Erkenntnisse bestätigt. Anwendungsgebiete sind generalisierte Angststörungen, gemischte ängstlich-depressive Störungen und Unruhezuzstände. Es braucht vier bis sechs Wochen bis die Wirkung am besten anhand standardisierter Symptomenskalen festgestellt werden kann. Patienten, die oft nach schlechten Erfahrungen den synthetischen Arzneimitteln kritisch gegenüber stehen, zeigen eine gute Akzeptanz für solche Produkte.

Der Kreis dieses Berichtes schliesst sich mit dem Korianderöl, das in der Universitätshautklinik in Freiburg mit topischer Applikation (1% in einer Salbengrundlage, z.B. Unguentum leniens) eingesetzt wird. Davon berichtete Christoph Schempp. Die Zubereitung zeigte keinerlei allergisches Potential, das Öl wird infolge seines Duftes gut akzeptiert. Es hat anibakterielle sowie entzündungshemmende Eigenschaften und wird erfolgreich angewendet bei Impetigo, Candidose, Intertrigo, Neurodermitis und Juckreiz, zumindest unterstützend. Erstaunlich, dass es für so eine Formulierung aktuell kein zugelassenes Arzneimittel gibt – in Freiburg wird eine apothekeneigene Formulierung verwendet. Die ätherischen Öle sind bei den meisten Herstellern pflanzlicher Arzneimittel, abgesehen von den tradtitionellen Einreibemitteln gegen Erkältungen und in der Soortmedizin, noch nicht angekommen. Dabei ist das therapeutische Setting bei den ätherischen Ölen doch einmalig: Die Pflanze als Produzent, der Geruch als sensorische Eigenschaft und die pharmakologische Wirkung der Inhaltsstoffe der ätherischen Öle können in die Erklärung der Therapie eingebaut werden.

Die 33. Jahrestagung für Phytotherapie ist Geschichte. Die Planung für die 34. Ausgabe ist in vollem Gang. Am 21. November 2019 steht das Thema „Phytotherapie in der HNO-Praxis“ auf dem Programm. Das ist zumindest teilweise auch eine Fortsetzung des diesjährigen Themas und die Diskussion um den Beitrag der Phytotherapie zur Reduktion des Antibiotikaverbrauchs werden erneut ein Fokus sein.

Bericht: Beat Meier

Tagungsband und Portraits der Referierenden sowie Bilder der Tagung